Biographie des Astronomen Wilhelm Tempel

Vom Bauernsohn zum Lithographen und Astronomen
Ernst Wilhelm Leberecht Tempel wurde am 4. Dezember 1821 in Niedercunnersdorf (Ostsachsen) geboren. Nach siebenjähriger Schulzeit und zweijähriger Tätigkeit auf dem Bauernhof der Eltern verließ er 1837 das Oberlausitzer Weberdorf, um in Meißen den Beruf eines Lithographen zu erlernen. Ab 1840  führte ihn die Wanderschaft nach Kopenhagen, Stockholm und Christiania (heute Oslo). 1858 ließ er sich in Venedig als freischaffender Lithograph nieder. Er erwarb den Ruf, besonders genaue und feine Zeichnungen anfertigen zu können. Dies aber nicht nur auf Papier, sondern zum Zwecke der Vervielfältigung auch auf kohlensauren Kalkschiefer, der dann als Druckstock diente. Seine Kunst wurde gern von Botanikern und Naturforschern in Anspruch genommen. Im Jahre 1858 heiratete er Marianna Gambini, deren Vater im Dogenpalast am Markusplatz als Portier arbeitete. Die Ehe war kinderlos, doch von lebenslanger Dauer. Im gleichen Jahr fällte er eine zweite seinen Lebenslauf bestimmende Entscheidung, welche aus dem schon in der Niedercunnersdorfer Schulzeit geborenen Interesse für die Himmelskunde erwuchs. Er wollte das Lesen astronomischer Literatur durch eigene Himmelsbeobachtungen ergänzen und kaufte ein vierzölliges Linsenfernrohr (Firma Carl August Steinheil, München). Schon im folgenden Jahr gelangen ihm damit zwei wichtige Entdeckungen. Im April fand er den einzigen 1859 festgestellten Kometen und im Oktober entdeckte er den Meropenebel im offenen Sternhaufen der Plejaden (Siebengestirn). Das war aus heutiger Sicht der erste Hinweis auf die Existenz des inzwischen durch Fotografien bekannten Reflexionsnebels, in welchen die Plejaden eingebettet sind. Diese Entdeckung war lange Zeit umstritten, da viele Astronomen selbst mit größeren Fernrohren diesen Nebel nicht sahen. Der bekannte Mailänder Astronom Giovanni Virginio Schiaparelli (1835-1910) schrieb später dazu: „Wie viele Fernrohre wurden seit Galilei auf diesen Teil des Himmels gerichtet! Doch Tempel hat, unterstützt von der Qualität seines Instruments und dem außergewöhnlich scharfen Beobachtungsvermögen, gefunden, was mit Fernrohren aller Dimensionen 250 Jahre lang niemand sah.“

Fruchtbare Zeit in Marseille: Entdeckung von Planetoiden und Kometen
Im Jahre 1860 wurde Tempel, der zwar nicht studiert, sich durch seine zwei Entdeckungen aber in Fachkreisen schon einen Namen gemacht hatte, von Direktor Jean Elis Benjamin Valz (1787-1867) an die Kaiserliche Sternwarte Marseille gerufen. Hier arbeitete er als Astronom bis zu Valz’ Pensionierung Ende 1861. Anschließend verdiente er sich in Marseille den Lebensunterhalt zwar wieder als freischaffender Lithograph, doch seine größte Aufmerksamkeit gehörte weiterhin der Astronomie. Schiaparelli schätzte später ein: „Der Aufenthalt in Marseille war in Tempels Leben der ruhigste und fruchtbarste Abschnitt.“ Hier entdeckte er folgende die Sonne in der Mars-Jupiter-Lücke umlaufenden Planetoien:
                                          (64) Angelina                   (81) Terpsichore                     (97) Clotho
                                          (65) Cybele                     (74) Galathea
Damit stieß er zu jener Gruppe von Astronomen vor, die sich um die Entdeckung der ersten 100 Kleinplaneten besonders verdient gemacht hatten: R. Luther mit 16 Entdeckungen, Goldschmidt mit 14, Hind mit zehn, de Gasparis mit neun, Charcornac, Pogson, C.H.F. Peters mit je sechs und Tempel mit fünf Entdeckungen.
Jenes Arbeitsgebiet, welchem Wilhelm Tempel in Marseille und seinen späteren Wirkungsstätten die größte Treue hielt und wohl auch die meiste Zeit widmete, war das der Kometen. Immer wieder beobachtete er die plötzlich auftauchenden und bald wieder verschwindenden Vagabunden des Alls. Er registrierte ihre Bahn und hielt Veränderungen ihres Aussehens in Zeichnungen fest. Auch an der Suche nach neuen Kometen beteiligte er sich intensiv und außerordentlich erfolgreich. Er fand 13 Kometen im Sinne neuer Himmelskörper und entdeckte in acht Fällen die Wiederkehr periodischer Objekte. Tempel gilt somit als Entdecker von 21 Kometen. Sein Erfolg zeigt sich besonders deutlich, wenn man ihn mit den Maßstäben seiner Zeit misst: Im Jahre 1880 kannte man erst elf kurzperiodische Kometen (die man bei mindestens zwei Umläufen um die Sonne gesehen hatte): d’Arrest, Biela, Brorsen, Encke, Faye, Halley, Tempel 1, Tempel 2,  Tempel 3-Swift, Tuttle und Winnecke. Es gab sonst niemanden, der von diesen elf Kometen mehr als einen entdeckt hatte. Nur Wilhelm Tempel: Er fand drei! Ergänzt man den erst später benannten vierten Tempel’schen Kometen Tempel-Tuttle, so ergibt sich unter Verwendung der heute üblichen Nomenklatur folgende Liste der von ihm gefundenen kurzperiodischen Kometen:
                      9P/Tempel 1,                      wurde als einziger Komet zweimal von einer Sonde besucht, 2005 von Deep Impact, 2011 von Stardust-NExT
                    10P/Tempel 2,                      ist ebenfalls interessant und wird oft beobachtet
                    11P/Tempel-Swift-LINEAR     war von 1908 bis 2001 verschollen, wird seither aber wieder beobachtet
                    55P/Tempel-Tuttle,               der Leonidenkomet

Astronom in Mailand und leitender Astronom in Arcetri
Während des deutsch-französischen Krieges wurde Tempel neben anderen Deutschen im Januar 1871 von der provisorischen Regierung Frankreichs des Landes verwiesen und ging wieder nach Italien. Zu diesem Zeitpunkt zählte er bereits zu den erfolgreichsten Himmelsbeobachtern des 19. Jahrhunderts und wurde von dem bereits erwähnten Direktor der Mailänder Brera-Sternwarte G. V. Schiaparelli gern als Astronom eingestellt. Hier beschäftigte er sich wieder vorwiegend mit Kometen, am Rande mit Nebelflecken und meteorologischen Fragen.
Anfang 1875 wurde Tempel die Leitung der wenige Jahre zuvor erbauten Sternwarte Arcetri in dem südlich von Florenz gelegenen Vorort Arcetri (heute Stadtteil von Florenz) übertragen. Das Hauptinstrument des Observatoriums, ein von Giovan Battista Amici (1786-1859) berechneter Refraktor, war mit 283 mm freier Öffnung und 5370 mm Brennweite das seiner Zeit größte Fernrohr Italiens. Da es bestens für das Beobachten nichtstellarer Himmelsobjekte geeignet war, wandte sich Tempel nun verstärkt der Untersuchung von Nebeln zu. Da man wegen der zu unempfindlichen Fotoplatten damals noch keine brauchbaren Nebelfotografien erhalten konnte, mussten Zeichnungen angefertigt werden. Tempels geschultes Auge, sein Zeichentalent und seine Erfahrungen als Lithograph führten hierbei zu wertvollen Beobachtungsprotokollen, in deren Auswertung seine wichtigste wissenschaftliche Publikation entstand. Sie trägt den Titel „Über Nebelflecken“ und wurde 1885 in Prag veröffentlicht. 30 Textseiten und zwei Tafeln geben einen Einblick in den überaus reichen Erfahrungsschatz des unermüdlichen Himmelsbeobachters.
Am 16. März 1889 verstarb Ernst Wilhelm Leberecht Tempel in Arcetri. Schiaparelli, der als Freund und berufener Fachmann einen Nachruf verfasste, schrieb: „Obgleich Tempel keinen regelrechten Unterricht genossen (d.h. nicht studiert hatte, d.A.), war er keineswegs ohne Bildung, lebhaft über alles war stets in ihm der Sinn für das Schöne in Natur und Kunst. In der elementaren Mathematik hatte er die ersten Grade aus sich selbst bis zu dem Punkte bemeistert, daß er ohne Schwierigkeiten logarithmischen Tafeln und trigonometrischen Formeln anwenden konnte; ohne fremde Hülfe berechnete er seine eigenen Beobachtungen. Ganz sich selbst und seinem uneigennützigen Eifer für die Astronomie verdankt er eine Reihe schöner Entdeckungen, welche seinem Namen einen ehrenvollen Platz in unserer Wissenschaft sichern.“

© Lutz Clausnitzer

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